Wenig Verlass auf Prognosen von Ökonomen

Wenig Verlass auf Prognosen von Ökonomen
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Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung gehören mittlerweile sowohl in der Wirtschafts- als auch der Publikumspresse zum Alltag. Im Geschäft mit den Voraussagen mischen alle grossen Player mit: Von den Grossbanken, diversen staatlichen Stellen bis zu den Universitäten oder einzelnen Volkswirten: Aufgrund statistischer Verfahren und riesiger Datenmengen versuchen unzählige Ökonomen, den Verlauf der Wirtschaft vorauszusagen. Doch trotz des wissenschaftlichen Anstrichs: Verlassen Sie sich auf die Prognosen, können Sie viel Geld verlieren – denn nur in den seltensten Fällen gelingt den Experten eine einigermassen korrekte Prognose.
 

Griechenland kann sich 2011 selbst retten

Die Griechen hätten ihre realitätsfremde Haushaltspolitik aufgeben, die europäischen Länder könnten sich selber aus der momentanen Krise helfen und der Euro trage dazu bei, die Verschuldung zu stabilisieren: Was tönt wie Wunschdenken, hat Ende des vergangenen Jahres niemand anders als der frühere UBS-Chefökonom Klaus Wellershoff in einem Interview mit der TagesZeitung verlauten lassen. In einer Prognose für das Jahr 2011 gab er sich optimistisch, was die Situation in Europa betreffe: Die europäischen Länder könnten sich selber aus der momentanen Krise helfen. Schliesslich seien die Problemländer Griechenland, Spanien und Portugal wirtschaftlich nicht sehr potent. Ausserdem seien die Konjunkturaussichten in den wichtigen Volkswirtschaften positiv.
 

UBS verschätzt sich beim Wirtschaftswachstum

Mit Europa kam es anders. Der Euro taumelte von Krisengipfel zu Krisengipfel, und neben Griechenland, Spanien und Portugal gerieten auch Irland, Italien und Frankreich in den Fokus der Märkte. Die Schweiz hingegen kam glimpflich davon. Die Schweiz werde als Wirtschaftsstandort nochmals an Attraktivität gewinnen, meinte Wellershoff Ende 2010 dazu und hatte damit vielleicht nicht ganz unrecht. Doch von einem Wachstum, wie es Ökonomen der UBS voraussagten, war das Land dieses Jahr weit entfernt. 2,3 Prozent werde das Wirtschaftswachstum der Schweizer Volkswirtschaft betragen, prognostizierten diese nämlich im Dezember 2010 im UBS Outlook Schweiz. Durch das Bevölkerungswachstum habe sich der Konsum und die Nachfrage nach Wohnraum erhöht. Nicht minder optimistisch zeigten sich die Volkswirtschaftler von der UBS für das Jahr 2012: Um 2,1 Prozent werde die Wirtschaft da wachsen, sagten sie vor einem Jahr voraus.
 

Fehlprognosen zum Wirtschaftswachstum auch bei CS und ETH

Doch wenn Sie auf diese Prognose vertraut hätten, dann wäre der Verlust unter Umständen immens gewesen. Denn nur ein Jahr später korrigierten die UBS-Ökonomen ihre Prognose stark nach unten und sagen nun noch ein Wachstum von 0,4 Prozent für das Jahr 2012 voraus, und auch die Prognose von 2,3 Prozent für das Jahr 2011 dürfte weit entfernt von der Realität gelegen sein: 1,7 Prozent Wirtschaftswachstum im Jahr 2011 schätzen die Volkswirte heute für das auslaufende Jahr. Doch die Grossbank irrte nicht als einzige. Als die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich im Dezember 2010 die Resultate ihrer Befragung von 21 Experten – allesamt Ökonomen – veröffentlichte, las man davon, dass die befragten Volkswirte eine Zunahme der Exporte um 3,3 Prozent und ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent im Jahr 2011 erwarten würden. Das war Wunschdenken, wie sich mittlerweile herausgestellt hat. Zu pessimistisch waren derweil die Experten der Credit Suisse: Mit einer Prognose von 1,2 Prozent Wirtschaftswachstum schätzten sie die Wirtschaftsentwicklung im September 2010 deutlich schlechter ein, als sie sich schlussendlich präsentierte – eine konservativere Schätzung also, aber auch keine, mit der Sie viel anfangen können, da sie sich als genauso falsch wie die zu optimistischen Prognosen der Konkurrenz herausstellten.
 

Einfluss der starken Währung unterschätzt

Den Einfluss der starken Währung mochten die Credit-Suisse Ökonomen derweil nicht in das Zentrum ihrer Überlegungen stellen und stehen damit diametral zu den Aussagen diverser Wirtschafsvertreter: Das Wachstum im Ausland sei weit wichtiger als die Währungsentwicklung, teilten die Forscher von der Grossbank CS mit.
 

Mühe bei vielen Kennzahlen

Doch nicht nur das Wirtschaftswachstum bereitete den spezialisierten Ökonomen in der Vorschau Mühe. Die Inflation als weitere wichtige Grösse etwa war den Spezialisten von der UBS einige Überlegungen wert. Um fast zwei Prozent werde diese im Jahr 2011 steigen, bilanzierten die Volkswirte und verwiesen dabei auf das «relativ starke Wachstum», welches sie selbst so prognostiziert hatten. Diese Prognose ist weit entfernt von der Realität: Im Dezember 2011 kommen die Experten des Bundesamtes für Statistik in ihrem Landesindex für Konsumentenpreise zum Schluss, dass die Inflation im ablaufenden Jahr um etwa 0,3 Prozent gestiegen sein dürfte.
 

Nicht nur Banken liegen falsch bei Prognosen

Die Experten des Bundes verweisen dabei auf die gesunkenen Lebensmittelpreise und den tiefen Ölpreis. Für das kommende Jahr 2012 erwartet das Bundesamt sogar eine Minusteuerung von -0,3 Prozent. Allerdings sind die Prognosen des Bundesamts für Statistik nicht viel verlässlicher als jene der UBS oder anderer Expertengruppen: Fürs Jahr 2011 etwa prognostizierten diese eine durchschnittliche Teuerung von 0,8 Prozent und griffen damit um 0,5 Prozentpunkte daneben, während die Schweizerische Nationalbank mit einer geschätzten Inflationsrate von 0,5 Prozent wesentlich näher an die Realität kam.
 

Schlechte Prognosen auch für Finanzmärkte

Auch an den Aktienmärkten sind Prognosen mit Vorsicht zu geniessen. Als die NZZ etwa im Januar vergangenen Jahres feststellte, dass die Zinskurven momentan sehr steil seien, schloss sie daraus auf steigende Aktienpreise und eine Konjunkturerholung – eine These, die von einem Ökonomen der Credit Suisse gestützt wurde. Dabei war das Jahr 2010 durchwegs kein gutes Jahr für die Weltwirtschaft und auch an den Aktienjahren verlor der durchschnittliche Anleger im Jahr 2010 viel Geld. Es zeigt sich, dass neben den Prognosen der Experten auch Indikatoren der Märkte nicht immer verlässliche Prognosen liefern.
 

Fazit zu Prognosen von Ökonomen

Die vorangegangenen Beispiele zeigen, dass weder Experten noch Signale der Finanzmärkte verlässliche Prognosen abliefern können. Dabei spielt es keine Rolle, ob eine Prognose von der UBS, der CS oder einer staatlichen Stelle wie dem Bundesamt für Statistik erstellt wurde – in den letzten beiden Jahren haben sich die wichtigsten Voraussagen im Nachhinein als falsch erwiesen. Diesem Umstand wirken die Prognostizierenden teilweise entgegen, indem sie bereits in ihren Berichten auf Unwägbarkeiten und Eventualitäten verweisen – doch damit ist dem durchschnittlichen Anleger nicht geholfen. Es bleibt das Bonmot Winston Churchills zu beachten, dass Prognosen schwierig sind, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen. Wer in den letzten beiden Jahren voll auf die Einschätzungen der Experten durchwegs renommierter Institute wie der UBS, CS, KOF der ETH oder des Bundesamts für Statistik gesetzt hätte, musste durchwegs enttäuscht werden, denn die wenigsten Prognosen vermochten die Realität korrekt vorauszusagen geschweige denn eine akzeptable Genauigkeit zu bieten. Sicherlich können Prognosen Hilfsmittel sein, zumal auch nicht alle Voraussagen komplett falsch waren, doch um eigene Recherchen und Kenntnis der Materie kommt nicht herum, wer seriös Geld anlegen will.
 
Sind auch Sie auf Fehlprognosen für die wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz gestossen? Veröffentlichen Sie doch Ihre Funde jetzt hier!
 

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