Stephan Tchen: Lohn, Glück und die Nutzwertanalyse

Stephan Tchen: Lohn, Glück und die Nutzwertanalyse
Sie sind hier: Startseite » Kolumne + Comics » Stephan Tchen: Lohn, Glück und die Nutzwertanalyse


Stephan Tchen über den Lohn und dessen berechenbaren Einfluss auf die Zufriedenheit.

In diesem Beitrag beziehe ich mich wir uns auf den Beitrag Warum die absolute Lohnhöhe nicht entscheidend ist. Dort ging es um die Frage, ab wann man einen langweiligen Job annehmen soll. Hier ein Beispiel aus dem Beitrag:

Angenommen Sie hätten die Wahl zwischen folgenden zwei Jobs. Welchen würden Sie nehmen?

  1. Job 1: CHF 6’000 Monatslohn, perfekter Job für Ihre Ansprüche und Interessen, kurzer Arbeitsweg etc.
  2. Job 2: CHF 9’000 Monatslohn, langweiliger Job, schlechtes Arbeitsklima, weiter Arbeitsweg etc.

Tipp: Falls Sie wissen möchten, wie viel Lohn für welchen Job angemessen ist, habe ich folgende Link-Empfehlungen für Sie:

 

Nutzwertanalyse als Hilfsmittel

Was Sie im Job glücklich macht, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Zum Beispiel hat ein stinklangweiliger Job, mit dem Sie CHF 8’000 verdienen, einen geringeren subjektiven Wert, z.B. nur die Hälfte. Der “Glücklichkeitsfaktor” gibt Ihnen an, wie viel Wert (in %) etwas für Sie hat. Diesen Faktor können Sie anhand einer Nutzwertanalyse ausrechnen. Die Nutzwertanalyse ist eine Analysetechnik, welche oft in der Betriebswirtschaftslehre eingesetzt wird.

Wie wird die NWA angewendet?

Zuerst hat man ein Problem. Nämlich kann man sich zwischen einigen Alternativen nicht entscheiden.

  1. Der Ausgangspunkt ist also, dass man mehrere Möglichkeiten zur Auswahl hat.
  2. Um eine Entscheidung zu treffen, zählt man seine Kriterien auf, die bei der Entscheidung eine Rolle spielen.
  3. Die Kriterien werden gewichtet (in diesem Beispiel in %).
  4. Die Alternativen werden nach allen Kriterien bewertet (hier von 1-10). Deren Resultate multipliziert man mit der Gewichtung.
  5. Die Punkte werden schlussendlich zusammengezählt.

Jene Alternative, die das höchste Endresultat hat, ist die “mathematisch beste” Entscheidung.

Haben Sie gemerkt, dass der Lohn bei den Kriterien nicht berücksichtigt wurde? Wir wollen ja berechnen, wie viel Wert die Löhne von Job A und Job B haben – subjektiv gesehen natürlich. Im obigen Beispiel haben wir die Werte 6.99 und 5.22. Da die Kriterien mit einer Zahl zwischen 1-10 bewertet wurden, müssen wir davon ausgehen, dass ein Wert von “10″ = 100% ist.

Dementsprechend ist der Lohn von Job A aufgrund der Nutzwertanalyse 69.9% Wert. Derjenige von Job B 52.2%. Ginge ich von denjenigen Werten aus dem Beispiel aus, wäre das Resultat folgendermassen:

  • Job A: 69.9% von 6’000 CHF = 4194 CHF
  • Job B: 52.2% von 9’000 CHF = 4698 CHF

Aufgrund der Nutzwertanalyse müsste ich mich für den langweiligen, aber dafür besser bezahlten Job entscheiden. Allerdings können Sie auch andersrum entscheiden. Sie könnten auch Job A nehmen, obwohl der Wert Ihres Lohnes tiefer ist. Die Frage, welche Sie sich unbedingt stellen müssen ist: “Wie viel Geld brauche ich?” Wenn Sie nur CHF 4’000 CHF pro Monat zum Leben brauchen, wozu sollen Sie einen langweiligen Job annehmen, der Ihnen mehr Geld bringt? Geld, mit dem Sie sowieso nichts anzufangen wissen.

Wie Sie sehen, ist das Resultat sehr stark von der Gewichtung der Kriterien und den Bewertungen abhängig. Dieses Beispiel dient Ihnen nur als Hilfsmittel, wenn Sie wirklich nicht wissen, wie Sie sich entscheiden sollen. Man kann sich selbstverständlich nicht nur auf Zahlen verlassen. Im Zweifelsfalle ist es trotzdem besser wenn Sie auf Ihr Herz hören.

 

Nachteile der Nutzwertanalyse

Mithilfe der NWA kommt man zwar ziemlich genau auf einen guten Richtwert. Jedoch berücksichtigt es nicht Kombinationen. Für jemanden, der eine Familie hat und gerne Zeit mit ihr verbringen möchte, wäre die Kombination “unregelmässige Arbeitszeiten” und “weiter Arbeitsweg” noch viel ungünstiger. Also kurz gesagt, die NWA ermöglicht es nicht, die Situation als “Ganzes” zu sehen. Sie analysiert nur jedes einzelne Kriterium und liefert deren Wert.

Ein weiterer Nachteil ist die fehlende Genauigkeit bei der Gewichtung der Kriterien. Im obigen Beispiel haben wir Arbeitsweg mit 4% gewichtet. Wir hätten es auch mit 5% gewichten können. Dann wäre das wieder ein massiver Unterschied. Wie massiv finden Sie eine relative Abweichung von 25% bei einem Kriterium?

Ein weiterer Nachteil fällt hier weg. Normalerweise wird die NWA von mehreren Entscheidungsträgern eingesetzt. Das heisst, dass z.B. fünf Leute im Management versuchen eine Entscheidung bei der Wahl eines neuen Standortes zu treffen. Da bei mehreren Leuten viele unterschiedliche Präferenzen vorhanden sind, wird es schwierig, sich auf etwas zu einigen.

Denken Sie daran, dass Sie sich bei Ihren Entscheidungen meistens auf Ihren Instinkt verlassen können. Eine Analyse, die nur Zahlen liefert, dient einfach als Bestätigung bzw. als etwas “Handfestes”. Unser Tipp: Benutzen Sie die Nutzwertanalyse als unterstützende Analysetechnik, aber werden Sie nicht allzu besessen von Zahlen.

Kostenloses Excel-File: Nutzwertanalyse – Wert des Lohns ausrechnen (Download).
 
Veröffentlicht am 14.08.2013
Autor: Dieser Beitrag wurde von Stephan Tchen verfasst.

Auch interessant:
Stephan Tchen: Warum die absolute Lohnhöhe nicht entscheidend ist
Stephan Tchen: Mehr Arbeitsplätze, wenn reiche Leute weniger verdienen?
Stephan Tchen: Wie (un)profitabel sind Sportwetten?
Stephan Tchen: Der Wert der Freizeit: 15 Franken für 30 Minuten?
Stephan Tchen: Mehr Einnahmen als Ausgaben